Kirche
evangelische
Eber­hards­kirche Tübingen

Pfr. Christoph Wiborg

Predigt am Sonntag Sexagesimae (4. Februar 2018)

2. Korinther 12,1-10
1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –,
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.


„Gerühmt muss werden!“
liebe Gemeinde,
nachdem wir in der vergangenen Woche von Jeremia gerade gelernt haben, dass das Einzige Rühmen, das en vogue ist, das Rühmen Gottes ist – beginnt Paulus hier mit einer steilen und zunächst scheinbar widersprechenden Aussage.

„Gerühmt muss werden!“

Was ihn dazu bewogen hat sind seine Gegner, die in Korinth das Gemeinderuder zu übernehmen gedenken und die vor allem ihn selbst als vollkommen unfähig darstellen.
Heimtückisch sei er, ungeschickt in der Rede und schwach im direkten Kontakt.
Dagegen sie selbst: gloriose Apostel mit zweifelsfrei bester Herkunft, Wundermänner mit ekstatischen Erfahrungen. Eben: ganz anders.

Wie geht man damit um?
Soll er klein beigeben?
Sich denken: Die Gemeinde wird schon begreifen!

Aber wäre das nicht auch wieder Schwäche, verstanden von den Menschen in Korinth als Eingeständnis des schwächlichen Paulus, dass er es mit der Konkurrenz nicht aufnehmen kann?

Also lässt er sich zunächst auf das Niveau der Widersacher ein. Getreu seinem gängigen Motto: Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche – jetzt also: den Angebern und Prahlern ein Angeber und Prahler.

Schon im Vorfeld unseres Briefausschnittes hat Paulus beschrieben, wessen er sich alles rühmen könnte. Jetzt aber zieht er den scheinbar höchsten Trumpf: die göttliche Offenbarung.

2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –,
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte,


Eigenartig, wie er da von sich selbst spricht. „Ich kenne einen Menschen“ – spricht von sich in der dritten Person. Wagt kein „Ich“.
Ist es Bescheidenheit?
Oder war die Erfahrung, von der er spricht, so nah, so überwältigend, dass er das Ganze ein wenig im Unbestimmten schweben lassen will?

Paulus rühmt sich dieser Offenbarung – und doch relativiert er sie zugleich auch wieder. Indem er die Zweifel äußert: In welchem Zustand war ich da eigentlich? Im Leib oder außerhalb? Bei Sinnen? Oder nicht mehr ganz bei Trost.

Er hat etwas gesehen und gehört – unglaublich , in der vielschichtigen Bedeutung des Wortes. War es wirklich so? Hab ich nur geträumt? Mir etwas eingebildet? Zurechtgesponnen?

Wie sympathisch ist dieses einerseits sich vorwagen, andererseits aber auch gleich wieder zurücknehmen!

Ein Blick ins Paradies! Wie gerne würden wir da mehr wissen! Mehr Worte hören! Mehr Bilder sehen!

Wie trefflich hätte wohl ein anderer Prediger die himmlische Szene ausgemalt, hätte seine Gemeinde zum Halleluja ermutigt, hätte sich im glänzenden Scheinwerferlicht bejubeln lassen: O welch ein fest Glaubender!

Es soll noch immer solche Prediger geben, nicht fern von hier... Paulus aber hörte „unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann“.

Mehr kann ich euch nicht sagen.

Mehr nicht, als nur: Da ist eine tiefe Verbundenheit zwischen mir und meinem Gott, zwischen mir und meinem Christus, von dem ich euch erzählt habe. Eine tiefe Verbundenheit, die mir Leib und Seele verschwimmen, verschmelzen lassen, wo dieses „Ich in dir, du in mir“ so deutlich spürbar ist – dafür könnte ich mich rühmen.
Aber, so fragt er, was wäre das nütze?
Wem soll es denn helfen?
Eine Erzählung von der unmittelbaren Gottesnähe, von der Glorie, vom Heiligenschein?
Wer wäre damit gewonnen?
Wer fühlte sich davon ernstgenommen, mitgenommen, verstanden?

Konkret werde ich lieber mit Anderem: diesem Pfahl im Fleische, dieser Krankheit, diesem Leiden, das mich quält.
Mit dem also, was mich mit euch, ihr lieben Korinther, mit dem, was mich mit wohl den meisten Menschen verbindet:
Mit der Anfechtung und dem Zweifel.
Mit dem Kampf gegen die Endlichkeit.
Mit dem Verzweifeln an unsinnigem Leiden.
Und mit der Erfahrung nicht erhörter Gebete.
Dreimal hat er zum Herrn gefleht.
Hat ihm von seinem Leiden erzählt.
Von seinem Nachsinnen darüber, warum das so ist.
Warum, wo er doch so große Pläne hat, wo er soviel erreichen, erleben, bewegen will,
warum er durch sein Leiden so behindert ist.

Wie viele Menschen auf der Welt versucht er, den Sinn seines Leidens zu ergründen. Weil er – wie so viele Menschen mit ihm – die Hoffnung hat, dass, wenn er einen Sinn darin findet, er auch besser damit leben, damit umgehen kann.

Dreimal hat er gebetet.
Dreimal: Mach ein Ende. Mach mich gesund. Mach mich heil.

Und nicht erhört.

Selbst Paulus, liebe Gemeinde, nicht erhört!
Selbst der, der in den dritten Himmel entrückt wurde: Nicht erhört!

Auch er also! Wie wir!
Wie kommt er uns hier nun nahe!

Viel näher als ein Mensch, der uns von eindrücklichen Gebetserhörungen erzählt, die doch nur den Geschmack von Erfolg hinterlassen und das Gefühl, dass das eigene Gebetserleben dahinter doch weit zurückbleibt.

Paulus wollte ein anderer sein, ein anderes Leben führen, einen anderen Körper haben –
wie viele von uns können es ihm nachfühlen.
Können mit ihm nach-beten. Nach-flehen.

Mit ihm nacherleben, wenn dieser Wunsch nicht Erfüllung findet.
Es bleibt, wie es ist.
Man bleibt, wie man ist.

„Lass dir an meiner Gnade genügen.“

Das ist die Antwort Gottes, die Paulus erhält.

„Lass dir an meiner Gnade genügen.“

Zusammenhanglos wird dieses Wort gerne zitiert und auf Postkarten geschrieben.
Im Zusammenhang mit erfahrenem Leid, erlittener Sinnlosigkeit klingt es sperriger, geradezu unsensibel.

Für mich sehr eindrücklich beschreibt Dorothee Sölle in ihrem Buch „Die Hinreise“ wie sie sich langsam für den Sinn dieses Gnadenwortes geöffnet hat:

Sie erzählt vom Scheitern ihrer ersten Ehe, das sie wie ein Sterben erlebte. In dieser völlig verzweifelten Situation ging sie einmal auf einer Reise in eine Kirche, in der sie sich an Gott wandte:

„Ich war ein einziger Schrei. Ich schrie um Hilfe […] In dieser Kirche fiel mir, in mein Schreien versunken, ein Wort aus der Bibel ein: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ Ich hasste dieses Wort schon lange, es war für mich der Ausdruck einer durch nichts gemilderten Brutalität. Paulus hatte sich die Gesundheit gewünscht, die er für sein Leben und seine Arbeit brauchte, und Gott warf ihn, der mit aufgedecktem Angesicht vor ihm stand und flehte, mit dem Gesicht auf den steinernen Boden. Der über alles mächtige Gott, der für Tausende Gesundheit, langes Leben und Wohlergehen hatte, hatte für Paulus nichts übrig als einen Spruch, der die unerträgliche Realität nicht änderte, sondern festschrieb. Ich muss damals in der Mitte des Tunnels angekommen gewesen sein. Ich wusste wirklich nicht, was das theologische Wort ‚Gnade‘ bedeuten könnte, wenn alle Realität meines Lebens nichts damit zu tun hätte. Aber ‚Gott‘ hatte mir gerade diesen Satz ‚gesagt‘. Ich kam aus der Kirche und betete von nun an nicht mehr darum, dass mein Mann zu mir zurückkäme […] Ich fing, in der Größe eines Stecknadelkopfes, an zu akzeptieren, dass mein Mann einen anderen, seinen eigenen Weg ging […] Gott hatte mich nicht getröstet wie ein Psychologe, der mir erklärte, dass dies vorauszusehen gewesen sei, er bot mir nicht die gesellschaftlich üblichen Beschwichtigungen an. Er warf mich mit dem Gesicht auf den Boden.“ (D.Sölle, Die Hinreise, S.43/44)

Gott tröstet nicht beruhigend und sanft. Er wirft mit dem Gesicht auf den Boden. Verhaftet einen auf die harte Realität.
Die nackten Tatsachen.
Lässt einen damit aber gerade nicht allein – auch wenn Paulus, auch wenn Dorothee Sölle das zunächst dachte.

„Lass dir an meiner Gnade genügen.“

Wörtlich übersetzt heißt es eigentlich und besser:
„Genug für dich ist meine Gnade.“

Besser, weil es in der wörtlichen Übersetzung nicht mehr so moralisch appellierend klingt: Ach komm, sei doch mit meiner Gnade auch zufrieden!
Nein, es heißt eigentlich: Meine Gnade ist genug für dich! Die reicht! Mit der geht es dir gut! Lass dir das gesagt sein! Haufa gnuag, sagt der Schwabe!

Darum: Lass los, was du krampfhaft errecihen, erzwingen willst. Lass dich in deine Schwäche fallen und du wirst spüren, wie meine Gnade dich überwältigen wird.
Wie deine Schwäche umso mehr gefüllt wird von der Stärke und Kraft, die dir Christus in dir schenkt.

Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.

Umso schwächer der Mensch – so der Gedanke – umso mehr wird sich an ihm die Gnade und die Kraft Gottes erweisen. Sein Da-Sein. Sein Mit-Sein. Sein Mit-Gehen.

damit die Kraft Christi bei mir wohne Hier steht für „wohnen“ das griechische Wort επισκηνωση

Darin steckt das Wort σκηνη, was „Zelt“ heißt.

Und mit „Zelt“ wird auch die Gegenwart Gottes im Ersten Testament beschrieben. In der Stiftshütte, in der Wüste, im Zelt, da ist Gott gegenwärtig, da begleitet er die Israeliten.

Beweglich, mobil, nicht an einen Ort gebunden. Nicht festzuhalten.

Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.

Da, wo der Mensch sich seine Schwäche eingesteht,
wo er seine Angewiesenheit nicht leugnet,
wo er sich ganz auf sein nacktes Menschsein werfen lässt –
da zieht Gott ein,
lagert sich um mich her, lässt mich spüren:
Gerade jetzt bist du nicht allein
Und weist mir so – wie damals den Israeliten in der Wüste – Richtung und Ziel, wo es lang gehen kann. Feuerschein und Wolke.

Zunächst vielleicht erst „stecknadelkopfgroß“ ist die Einsicht in den Weg, den wir durch „den Tunnel“, wie Sölle sagt, durch die Schwäche, durch das Leid, durch die Krankheit, durch die Not gehen können.

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dieses Wort will uns in der Hoffnung stärken, dass gerade dort, wo menschlich gesehen alles schlimm ist, dort, wo man es überhaupt nicht mehr vermutet oder erwartet, sich kostbare Erfahrungen auftun können.

Nicht umsonst ist dieser Text ein Text, den wir an einem Sonntag meditieren, der seinen Namen vom Ausblick auf Ostern bekommen hat.
Sexagesimae.
Sechzig Tage bis Ostern.
Sechzig Tage bis zu dieser die Wirklichkeit sprengenden, wandelnden Erfahrung, dass es ein Mehr gibt als das, was uns als Katastrophe, als endgültiges Aus erscheint.
Sechzig Tage bis wir das unglaubliche Feiern:
Den Sieg der Kraft Christi über den Tod.

Bis dahin leben wir von der Zusage:
Meine Gnade und Freundlichkeit ist genug für dich.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Wenn du schwach bist, bist du stark!

Amen.