Kirche
evangelische
Eber­hards­kirche Tübingen
Beitrag von Dr. Harald Kretschmer im Buß- und Bettag-Gottesdienst,
18. November 2015 Thema: In Würde sterben?

Sterbebegleitung – Sterbehilfe

Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher des Bußtags-Gottesdienstes in der Stiftskirche, liebe Nach- und Mitdenkende,

am 5. November hat der Deutsche Bundestag ein neues Sterbebegleitungsgesetz verabschiedet und am Tag darauf ein Sterbehilfegesetz beschlossen.

In den Monaten der Auseinandersetzung um dieses Gesetz steht mir das Schicksal einer 48-jährigen Frau, Patientin in dem von mir früher geleiteten Krankenhaus, vor Augen. Sie litt an einem unheilbaren, zerfallenden Mundbodenkrebs. Bei der Visite in ihrem Krankenzimmer verweilen wir einige Zeit länger als bei anderen Patientinnen. Dennoch – nach wenigen Minuten verlassen wir ihr Zimmer wieder, verlassen wir sie. Wir lassen sie alleine zurück mit ihrem durch den zerfallenden Tumor entstellten Gesicht, mit ihren durch Medikamente erträglichen Schmerzen – aber auch mit dem für sie unerträglichen Leiden, mit dem für sie zur untragbaren Last gewordenen Leben. Dieser Patientin bei ihrem dringlichen, nachhaltig vorgetragenen Wunsch auf ein Ende ihres Leidens, ihres Lebens zur Seite zu stehen und Hilfe zu leisten, halte ich für eine zutiefst mitmenschliche Aufgabe, sei es durch Sedierung im Endstadium ihrer Erkrankung, sei es durch Hilfe beim selbstbestimmten Suizid. Solche Erkrankungsverläufe erleben wir immer wieder einmal, z. B. auch bei Frauen mit aggressivstem gynäkologischem Tumor, bei Patienten mit bösartigem Hirntumor, bei Menschen mit anderen, z. B. neurologischen Erkrankungen; bei Menschen, die ihr Lebensende sehnlich herbeiwünschen.

Das sehr persönliche Thema der Sterbebegleitung, der Sterbehilfe bewegt uns, die wir heute Abend hier sind und ja alle in Gesellschaft, in Kirche oder in der Politik engagiert sind, zurzeit sehr, so auch die Ärzteschaft und mich persönlich – selbst wenn in diesen Tagen und Wochen unser Verstand und unsere Sinne, aber insbesondere unsere Herzen noch stärker beschäftigt sind mit den furchtbaren, menschenverachtenden Terroranschlägen in Beirut und Paris – und auch sehr stark beschäftigt sind mit und bewegt vom Leid von Millionen Menschen, die vor Krieg und Verfolgung und vor unzeitigem Tod durch Armut und Hunger aus ihren Heimatländern fliehen – und nur allzu oft auf dieser Flucht ihr Leben aufs Spiel setzen oder es gar verlieren.
Zurück zum Thema des heutigen Gottesdienstes: Als Arzt, der in einem Krankenhaus arbeitete, das sich seit 40 Jahren unter anderem der Palliativmedizin widmet, und das seit einigen Jahren in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Tübingen eine eigene Palliativstation betreibt, weiß ich – was auch fast alle Palliativmediziner so sehen – , dass die Schmerz- und Palliativmedizin bei etwa 95% der schwerstkranken, unter Schmerzen leidenden und sterbenden Patienten hoch wirksam ist, dass sie aber bei 50 von Tausend solcher Patienten nur unzureichend wirkt. Wenige dieser Menschen jedoch wünschen ihren Tod herbei. Wer aber kann diesen Menschen verdenken, dass sie sich ein „leichtes” Sterben wünschen? Die Palliativmedizin löst, auch wenn immer wieder von Politik, Gesellschaft und Kirche mit Recht ihr weiterer Ausbau gefordert wird, eben nicht die Probleme aller schwerstkranker Menschen.

Die Lösung dieser mitmenschlichen Aufgabe muss unserem Gewissen überlassen werden und kann uns weder durch kirchliche noch durch ärztliche Autoritäten abgenommen werden. Kirchliche Autoritäten äußern sich ohnehin sehr ambivalent. So befürworten sie – absolut bedenkenswert – als letzte Möglichkeit zum Schutz vieler Menschenleben den Export und Einsatz tödlicher Waffen, also Beihilfe zur Tötung von Menschen. Andererseits verweigern sie schwer leidenden Menschen – mit Berufung auf das einmalige Geschenk des gottgegebenen Lebens – strikt Hilfe bei einem selbstbestimmten, ersehnten eigenen Lebensende. Mir wird entgegengehalten, das könne man nicht vergleichen. Doch, man kann, man muss sogar, auch wenn hohe Vertreter der EKD, wenn Kirchenleitungen das anders sehen mögen! Kirche muss mitmenschlich sein, wo Mitmenschlichkeit gefordert ist. Für uns Christen ist die Liebe zum leidenden Menschen der entscheidende, durch keine andere Logik zu überbietende Leitgedanke.

Noch problematischer erscheint es mir, wenn die Bundesärztekammer die strafrechtlich auch weiterhin erlaubte nicht geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid mit Entzug der ärztlichen Approbation bedroht, und der Präsident dieser Standesorganisation in öffentlichen Auftritten darlegt, Ärzte könnten schon deshalb keine Beihilfe bei der Selbsttötung leisten, weil es dafür keine Abrechnungsziffer gebe. Diese Argumentation macht mich als Arzt fassungslos – insbesondere wenn dieser Ärztekammerpräsident in einem anderen Interview läppisch, also mit unfassbarem Mangel an Ernsthaftigkeit feststellt, man könne die Beihilfe zu erwünschtem Suizid ja (Zitat) „dem Klempner, dem Apotheker oder dem Tierarzt überlassen, nicht aber dem Arzt” (Zitat Ende).

Glücklicherweise hat hier unsere eigene Baden-Württembergische Ärztekammer eine dezidiert andere Haltung. Sie stellte in ihrer verbindlichen Berufsordnung lediglich fest: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und Achtung ihres Willens beizustehen.” Und sie fasste zudem die Entschließung: „Neue gesetzliche Regelungen für Sterbehilfe bzw. den sogenannten `assistierten Suizid´ werden abgelehnt. Die bestehenden Regelungen sind ausreichend. Letzte und höchst individuelle Fragen und Entscheidungen über den eigenen Tod müssen als oberstes Gut behandelt werden. Auf der Basis einer umfassend informierten Selbstbestimmung sollte der Tod vertrauensvoll mit dem Arzt und den nahen Angehörigen besprochen werden.” Soweit das Zitat. Dies entspricht der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates vom November vergangenen Jahres, in dem auch die Kirchen vertreten sind. In der Ad-hoc-Empfehlung des Ethikrats herrscht Einigkeit, „dass die ärztliche Suizidbeihilfe als Gewissensentscheidung im Einzelfall möglich sein soll, ohne dass sie ein reguläres Angebot der Ärzteschaft oder die Aufgabe eines Arztes wäre”.

Inzwischen hat, wie eingangs gesagt, der Bundestag am 6. November mit deutlicher Mehrheit einen Gesetzentwurf angenommen, nach dem die geschäftsmäßige Suizid-Assistenz durch Ärzte, Einzelpersonen und Organisationen, ganz gleich ob mit kommerzieller oder nichtkommerzieller Absicht, mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren bedroht wird. Ist die Suizid-Assistenz einmalig, also nicht geschäftsmäßig, bleibt sie auch weiterhin straffrei. Dieses verfassungsmäßig umstrittene Gesetz wird – so ist zu befürchten – dazu führen, dass professionelle Hilfe erschwert oder unmöglich wird. Ziel müsste es dagegen sein, möglichst viele Menschen mit Sterbewunsch zu erreichen, um so die Zahl der Suizide zu senken. Dazu ist das Strafrecht ein gänzlich ungeeignetes Mittel.

Dieses weltliche Strafrecht ist grundsätzlich religionsneutral. Würden Suizid oder Suizidversuch als strafbares Unrecht definiert, würde eine allgemeine Rechtspflicht zum Leben vorausgesetzt, die grundlegenden Rechtsprinzipien widerspräche. Deshalb kann auch die Hilfe zu einem frei verantwortlichen Suizid ihrerseits nicht als strafbares Unrecht definiert werden. Der Einzelne mag gegenüber seinen Angehörigen und dem Staat in vielfacher Hinsicht verpflichtet sein, solange er lebt. Er ist ihnen aber nicht verpflichtet zu leben.

Welche Argumente werden nun kirchlicherseits vorgebracht, und welche leiten mich als in unserer Kirche engagierten Menschen? Führende Theologen unserer Kirchen argumentieren in der Frage der Sterbehilfe sehr unterschiedlich, insbesondere, wenn man die Positionen innerhalb der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa anschaut. Nicht selten werden bei ihren Stellungnahmen gar die von niemandem in Politik und Kirche geforderte strafbare aktive mit der straffreien passiven Sterbehilfe durcheinander geworfen, so in Deutschland durch hohe katholische und evangelische Kirchenleitende.

In den Erzählungen der Bibel wird von 9 Selbsttötungen berichtet, ohne dass sie auch nur in einem dieser Berichte als beste oder schlechtest mögliche Wahl beschrieben werden. Dominierend ist bei der Bewertung in allen Fällen der einfühlsame Respekt vor der Selbsttötung als einem letzten Ausweg aus einer auswegslosen Konfrontation. Wo die Zumutbarkeit eines Weiterlebens an offensichtliche menschliche Grenzen stößt, erfordert die Achtung vor der menschlichen Entscheidung die Aufhebung eines moralischen Urteils. Insofern lehren die biblischen Darstellungen, dass Suizid ein menschlicher Grenzfall ist, der sich allen einseitigen Bewertungen widersetzt. Gewiss ist es in religiösen Kontexten durchaus legitim, das menschliche Leben als Geschenk Gottes zu begreifen, das dem individuellen Menschen nur anvertraut ist, über das der Einzelne also nicht selbstherrlich verfügen kann. Das unüberwindbare Problem eines solchen religiösen Ansatzes ist freilich seine fehlende Verallgemeinbarkeit in einem weltlichen Strafrecht. Dessen Strafnormen müssen mit Überzeugungskraft für alle Staatsbürger verbindlich sein können, also auch für jene Staatsbürger, die nicht an Gott glauben bzw. anderen religiösen Vorstellungen anhängen.

Das Argument, das Kirchenvertreter immer wieder gegen den assistierten Suizid vorbringen, lautet: Durch die Akzeptanz dieser Möglichkeit steige der Druck auf Sterbenskranke, ihr Leben zu beenden. Das ist gewiss kein theologisches Argument, dafür aber ist es offensichtlich falsch und durch Untersuchungen in Deutschland und den USA widerlegt. Es gibt diesen Dammbruch nicht, wir bewegen uns nicht automatisch auf einer „slippery slope”. Das zeigen Untersuchungen z. B. in Oregon/USA, wo sich durch die offizielle Zulassung des ärztlich assistierten Suizids weder die Zahl der Selbsttötungen signifikant erhöht hat, noch das Vertrauensverhältnis Patient/Arzt gestört worden ist. Eher ist dieses – im Gegenteil – gewachsen, weil Patienten in kritischen Lebenssituationen eine wachsende Bereitschaft zeigen, sich mit ihren Fragen an ihren Arzt zu wenden, sich ihm anzuvertrauen. Auch wir erleben, dass Menschen ihr Leiden Tag für Tag eher ertragen können, wenn sie wissen, die Empathie ihres Arztes begleitet sie in ihrem Leiden und in ihrem Sterben, begleitet sie in einzelnen Fällen auch in den Tod.

Natürlich muss neben dieser individuellen Perspektive auch die gesellschaftliche im Blick bleiben. Druck auf alte und behinderte Menschen muss unbedingt vermieden werden. Im Blick auf den einzelnen Menschen aber bleibt es dabei, ich wiederhole es: Zuwendung, ja Liebe zum Nächsten ist für mich als Arzt, ist für mich als Christ der einzige, nicht zu überbietende Leitgedanke. So kann die Beihilfe zum Suizid vom Liebesgebot her geboten sein, und ihre Verweigerung das Liebesgebot verletzen. Das sehen auch viele Theologinnen und Theologen so, die die Entscheidung zum assistierten Suizid als verantwortlichen Umgang mit dem eigenen Leben respektieren, also Respekt vor der gereiften Entscheidung des Betroffenen haben. Aus Ehrfurcht vor dem Leben und zum Schutz der Gemeinschaft sollte solch eine Gewissensentscheidung aber ein Ausnahmefall bleiben.